Spiritualität wird oft als etwas verstanden, das vom konkreten Leben getrennt ist. Man denkt, sie gehöre nur an heilige Orte, in vereinzelte Momente des Gebets oder der Meditation, oder sei nur etwas für besonders Berufene. Doch wahre Spiritualität lebt nicht nur in Klöstern, Tempeln oder heiligen Schriften. Sie lebt vor allem im Alltag – in einfachen Gesten, in der Art, wie wir zuhören, sprechen, reagieren. Alltägliche Spiritualität ist die Fähigkeit, das Heilige im Profanen zu erkennen, das Ewige im Vergänglichen zu erahnen, jeden Tag zu leben, als wäre er ein Ritus. Es geht nicht darum, das Leben zu verändern, sondern es mit neuen Augen zu sehen.
Das Wort Spiritualität stammt vom lateinischen spiritus, was „Atem, Hauch, Lebenswind“ bedeutet, und hängt mit der indoeuropäischen Wurzel -sp(h)er zusammen, die eine unsichtbare Bewegung ausdrückt – das, was Leben gibt, ohne selbst sichtbar zu sein. Spiritualität ist daher kein Sammelbecken von Glaubenssätzen, sondern eine wache Aufmerksamkeit für die unsichtbare Dimension des Daseins. Sie ist die Weise, wie unser Geist in Beziehung tritt – zur Welt, zu anderen, zum Geheimnis. Spiritualität in den Alltag zu integrieren heißt, die Trennung von heilig und weltlich, von Innerlichkeit und Handlung, von Gebet und Realität aufzugeben. Es bedeutet, dass auch Kochen, Gehen, Arbeiten, einem Freund zuhören zu spirituellen Handlungen werden können – wenn sie mit Präsenz und Bewusstheit geschehen.
In den großen religiösen Traditionen ist dieses Prinzip klar verankert. Im Zen-Buddhismus kann jede Handlung – selbst das Spülen einer Tasse – ein Moment der Meditation sein. Im Judentum ist jeder Alltagsakt mit einem Segen verbunden: das Aufstehen, das Essen, das Lichtanzünden. Im Sufismus tanzt man, um mit dem Göttlichen zu verschmelzen, kehrt dann aber zurück, um den Mitmenschen in Liebe zu dienen. In der christlichen Spiritualität der Benediktinermönche drückt der Leitsatz ora et labora – bete und arbeite – die Einheit von Göttlichem und Menschlichem, von Himmel und Händen in der Erde aus.
Diese spirituelle Sicht auf den Alltag wirkt auch heilend. In einer Welt, die hektisch und zerstreut ist, in der wir ständig zwischen Benachrichtigungen, Verpflichtungen und Sorgen hin- und hergerissen sind, bringt uns die Wiederentdeckung einer spirituellen Dimension in der Schlichtheit des Tages zurück zu unserem inneren Zentrum. Man muss sich nicht in eine Höhle zurückziehen oder tausend heilige Bücher lesen. Es reicht, mit Aufmerksamkeit zu beginnen. Tief durchatmen, bevor man auf eine Nachricht antwortet. Still danken, bevor man isst. Dem Gegenüber in die Augen schauen. Gehen, als wäre der Boden heilig. All das ist bereits Meditation, bereits Gebet, bereits Gemeinschaft.
Jeden Tag spirituell zu leben bedeutet nicht, perfekt zu leben. Es bedeutet, gegenwärtig zu leben. Es heißt auch, die eigene Zerbrechlichkeit anzunehmen – die Momente der Ablenkung, der Wut, der Müdigkeit. Wahre Spiritualität urteilt nicht, täuscht nicht, zwingt nichts auf. Sie lädt ein. Sie begleitet. Und sie erinnert uns daran, dass jeder Moment eine Gelegenheit zum Erwachen ist. Die Seele, so sagen viele Traditionen, hört bereits zu. Wir müssen es nur bemerken.
Diese Alltags-Spiritualität ist heute wichtiger denn je. In einer Zeit, in der institutionelle Religionen an Glaubwürdigkeit verlieren und feste Bezugspunkte verschwinden, kann die Rückkehr zu einer persönlichen, verkörperten und freien Spiritualität dem Leben neuen Sinn, neue Balance und neue Würde geben. Es geht nicht darum, neue Rituale zu erfinden, sondern die alten wieder lebendig werden zu lassen: das Schweigen, die Dankbarkeit, die Fürsorge, das rechte Wort zur rechten Zeit, der Atem, das Staunen. Das sind die Liturgien des Lebens. Und in ihnen lässt sich Gott wiederfinden – oder jener Name, den man dem Geheimnis geben möchte, das alles durchdringt.
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